„Wenn die Politik in unsere Arbeit eingreift, macht sie keinen Sinn mehr”

Sie steht regelmäßig für die Zeit im Bild vor der Kamera und hat die “Message Control” der ÖVP schon hautnah miterlebt. ORF-Moderatorin und Redakteurin Alexandra Maritza Wachter über den Unterschied zwischen Privatfernsehen und ORF und wie sie sich auf die Moderation der TV-Duelle zur Nationalratswahl vorbereitet.

Von Lotte Blumenberg

Du bist Innenpolitikredakteurin und auch Moderatorin im ORF. Wie lassen sich diese beiden unterschiedlichen Rollen vereinbaren?

Die lassen sich sehr gut vereinbaren. Am Ende bei PULS 24 habe ich eigentlich nur mehr moderiert. Mir war es sehr wichtig, wieder als Redakteurin und auch in der Innenpolitik zu arbeiten, weil ich glaube, man muss raus. Es ist schwierig, wenn man nur im Studio steht, weil man wenig vor Ort ist oder mit Leuten spricht. Ich brauche beides. Wenn ich im Studio stehe und etwas präsentiere, weiß ich gleichzeitig, ich bin auch dort draußen und weiß, was es heißt, einen Beitrag zu produzieren. Ich weiß, was es heißt, live zu schalten. Ich finde es ganz wichtig, dass man mehrere Positionen kennt und kann.

Du warst sieben Jahre lang bei PULS 4 und bist 2022 zum ORF gewechselt. Was sind für dich die größten Unterschiede zwischen der Arbeit im Privatfernsehen und jetzt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

© Jakob_Pitzer

Ein großer Unterschied sind sicher die unterschiedlichen Möglichkeiten, die es gibt. Im Jänner war ich für das Außenpolitikressort des ORF in Mexiko und habe dort gedreht. Da konnte ich viele Reportagen gestalten. Das ist, was den ORF so großartig macht, dass man diese Optionen hat und es die finanziellen Mittel noch gibt. Dass man hinfahren und dort mit den Leuten sprechen kann. Wir können vor Ort sein, statt uns nur von Agenturen bedienen zu lassen. Das macht einen Unterschied. Ich habe für PULS 4 auch mal eine Dokumentation produziert, im Rahmen der Europawahl. Da haben wir in Rumänien, Luxemburg und Vorarlberg gedreht. Das war damals aber nur möglich, weil es eine Medienförderung der EU gab. Man musste sich sehr bemühen, Qualitätsjournalismus zu finanzieren, durch Förderungen zum Beispiel. Auch beim ORF wird jetzt sehr viel gespart, das ist ja auch der Auftrag, aber ich glaube, man muss aufpassen, weil umso mehr man spart, umso weniger Menschen gibt es dann für gewisse Sachen. Qualitätsjournalismus braucht Zeit und Raum und dementsprechend kostet er einfach Geld.

Es wird immer wieder über die Unabhängigkeit des ORF und seiner Gremien diskutiert. Was ist deine Sicht auf das Thema, kann man im ORF unabhängig von politischen Einflüssen arbeiten?

Ich kann von meiner Arbeit sprechen, davon, was ich als ORF-Mitarbeiterin wahrnehme. Bis jetzt – es sind jetzt bald zwei Jahre – gab es noch nie eine Intervention in meine Arbeit. Es ist noch nie passiert und ich hoffe, dass es auch nie passieren wird. Ich kenne das, ich weiß, was es bedeutet, wenn es Interventionen gibt und das ist einfach zerstörerisch. Darum finde ich es wichtig, dass das nicht passiert und auch wichtig, dass man Führungskräfte hat. Es braucht unterschiedliche Ebenen, damit es gar nicht erst an einen herankommt. In meinem Fall sind das die Sendungschefin und -chef, Ressortleitung, dann noch die Chefredakteurin oder -redakteur. Es gibt mehrere Ebenen, sodass ich immer weiß, ich bin geschützt. Es geht darum, dass ich qualitätsvolle Arbeit leiste und dass ich, wenn ich zum Beispiel über die Regierung berichte, so berichte, wie sich die Fakten darstellen.

Wenn du sagst, du kennst Interventionen in deine Arbeit, bezieht sich das auf deine Zeit bei PULS 4?

Es ist damals vereinbart worden, dass ich nichts dazu sage. Es gibt einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, der eine gute Informationsquelle ist.

Ich glaube ich weiß, worum es geht: Du bist ja unter anderem bekannter geworden durch ein Interview im Sommer 2020 mit dem damaligen Kanzler Sebastian Kurz, der zu dir gesagt hat „Sie haben ja ein eigenes Hirn”. Wie hast du diese Interviewsituation erlebt?

Ich wurde kurzfristig angerufen, es hieß, der Kanzler hat Zeit am Nachmittag für ein Interview. Er war vorher in Brüssel und es ging um die Frage, wie viel Österreich künftig zahlt, nachdem Großbritannien aus der EU ausscheidet. Da gab es die “Sparsamen Vier” und ein Land davon war Österreich. Damit hat Sebastian Kurz sich innenpolitisch auch platziert und gesagt, er möchte sparsam sein für Österreich. Das war die Ausgangslage. Ich habe mich auf das Interview vorbereitet und mir überlegt: Warum vertritt er diese Haltung innerhalb der Europäischen Union? Für das Interview habe ich viele Zitate gesammelt, von anderen Regierungschefinnen und -chefs und von anderen Journalistinnen und Journalisten. Ich habe im Interview Florian Gasser aus der Zeit zitiert, der gesagt hat, Kurz möchte innenpolitisch punkten und deswegen verhält er sich so. Das hat ihn (Anm.: Kurz) wohl irritiert beziehungsweise auch in eine gewisse Form der Rage gebracht. Ich habe immer wieder betont, es geht hier nicht um meine Meinung. Sebastian Kurz hat in vielen Interviews immer wieder eine Metaebene eröffnet, auf der er suggeriert hat, der Interviewer oder die Interviewerin will eine eigene Meinung platzieren. Darauf war ich vorbereitet. Mir war klar, dass er versucht, die Ebene zu wechseln und mir zu unterstellen, dass ich so über ihn denke, was überhaupt nicht stimmt. Ich wollte verstehen, warum er sich auf eine gewisse Weise verhält, und zwar für diejenigen, die zusehen. Das ist immer der Auftrag. Dann hat er eben gesagt „Aber Sie haben ja wohl ein eigenes Hirn”. Nach dem Interview gab es diesen Anruf aus dem Bundeskanzleramt und was da passiert ist, darf nicht passieren. Deswegen wäre ich immer jemand, der aufzeigt, und laut wird, wenn so etwas passieren würde. Wenn es die Option gibt, dass Politik in unsere Arbeit eingreift, dann macht diese Arbeit keinen Sinn mehr. Der Kern unserer Arbeit ist, dass wir unabhängig sind und dass niemand sich einmischt in das, was wir berichten.

Bei der Ausstrahlung des Interviews fehlte dann eben genau dieser Ausschnitt. Online wurde aber das gesamte Interview veröffentlicht? Was genau ist passiert?

Was ich dazu sagen kann, ist, dass ich immer wollte, dass alles veröffentlicht wird. Weil es eine Seite von Kurz gezeigt hat, die auch wichtig war zu sehen. Er war nicht aus Teflon – viele haben immer geschrieben, er sei aus Teflon. Es war nie in meinem Sinne, dass die Szene rausgeschnitten wird. Es wurde dann in voller Länge online gestellt. Das war mir total wichtig, weil es nicht okay ist, wenn es irgendwelche Eingriffe gibt.

Du wirst im Herbst gemeinsam mit Susanne Schnabl die TV-Duelle zur Nationalratswahl und auch die “Elefantenrunde” mit den Spitzenkandidatinnen und -kandidaten moderieren. Ist das für dich schon “business as usual” oder doch etwas Besonderes?

Das ist schon etwas Besonderes. Da wäre ich ganz schön cool, wenn ich sagen würde, das ist “business as usual” (lacht). Selbst wenn man es zum zehnten Mal machen würde, ist es eine wichtige Rolle. Es soll eine Basis für diejenigen sein, die eine Wahl treffen, um sich entscheiden zu können und zu verstehen: Wer ist denn der Spitzenkandidat, wer ist die Spitzenkandidatin? Wofür stehen die wirklich? Wie wollen Sie die Probleme lösen, die wir in Österreich haben? Ich sehe das als sehr verantwortungsvolle Position.

Was möchtest du den Zuschauerinnen und Zuschauern vermitteln, wenn du als Moderatorin in einem TV-Duell oder bei der “Elefantenrunde” im Studio stehst? 

                             © ORF/Thomas Ramstorfer

Für mich ist es immer wichtig, dass man selbst die Fakten parat hat, sodass man reagieren kann, wenn zum Beispiel Dinge gesagt werden, die nicht richtig sind. Unsere Aufgabe ist es immer eine Einordnung zu bieten. Die kann ich nur bieten, wenn ich sagen kann, diese Zahlen stimmen so nicht. Die Einordnung ist eine Riesen-Aufgabe. Ich will nicht sagen, das wird mir immer und bei jedem Thema gelingen, aber es ist mein Anspruch und mit dem gehe ich rein.

Wie bereitest du dich auf diese Moderationen vor? Fängst du damit jetzt schon an?

Ja, ich habe schon angefangen. Ich lese im Moment jedes Buch, das ich in die Finger kriege über die jeweiligen Spitzenkandidatinnen und -kandidaten oder auch, wenn sie selbst welche geschrieben haben. Im Moment lese ich das Buch von Beate Meinl-Reisinger. Ich finde, in den Büchern kann man viel erkennen und verstehen und es geht in die Tiefe. Die tagespolitische Arbeit, die erledige ich durch meinen Job sowieso immer mit, aber ich finde es wichtig, in die Tiefe zu gehen. Die Vorbereitung wird irgendwann in eine andere Phase übergehen, wo es darum geht, Fakten zu unterschiedlichen Themen niederzuschreiben. Diese Fakten muss ich dann so parat haben, dass sie im richtigen Moment abrufbar sind.

Diese Sendungen sind live, es sind viele Gäste, Politikerinnen und Politiker reden gerne: Was ist für dich die größte Herausforderung in so einem Format?

Der größte Vorteil ist, dass es live ist. Live bedeutet, es ist einfach da, was da ist. Es gibt kein „Können wir das nochmal machen?” Es ist einfach fix. Das finde ich gut und wichtig. Herausfordernd ist die Schnelligkeit, weil Livesendungen natürlich mit sich bringen, in der Sekunde richtig zu reagieren oder generell eben zu reagieren, entgegenzusetzen, einzuordnen. Da muss man wahnsinnig fit sein. Also herausfordernd wird sicher meine Schlafsituation, weil ich habe ja ein Kleinkind und einen Teenager zuhause. Ich muss schauen, dass ich genug schlafe. Das ist glaube ich für mich eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen (lacht).

Weiterführende Links: 

Artikel Süddeutsche Zeitung: https://www.sueddeutsche.de/medien/kurz-interview-puls-24-hirn-1.4978045
Interview Alexandra Wachter Sebastian Kurz: https://www.alexandrawachter.com/interviews/sebastian-kurz-interview

Zur Person:
Alexandra Maritza Wachter wurde 1989 als Tochter einer Mexikanerin und eines Vorarlbergers in Innsbruck geboren. Nach Stationen im Tiroler Landesstudio des ORF, bei Tirol TV und PULS 4/ PULS 24 wechselte sie 2022 zum ORF. Dort moderiert sie verschiedene Ausgaben der Zeit im Bild und ist Redakteurin im Innenpolitikressort. Sie ist Vorsitzende des Frauennetzwerks Medien in Wien und wurde schon mehrfach für ihre journalistische Arbeit ausgezeichnet.